Man sitzt gemรผtlich beisammen und jemand legt eine Vinyl LP auf den Plattenteller.
Der Hi-Fi-Verstรคrker wรคrmt die Rรถhren auf und nach einem kurzen Klicken weiร man: es kann losgehen.
Es knackt, es knistert und plรถtzlich, ohne groรe Vorwarnung, ertรถnt Musik.
Musik die man schon so oft im Leben gehรถrt hat, Musik, die man zu schรคtzen weiร, Musik, die einen erinnert.
Wer Musik liebt, der spielt sie von Vinyl, so sagt man.
Der Volksglaube Vinyl wรคre allen anderen Medien รผberlegen hรคlt sich seit jeher.
Man sieht es auch am Absatz von Vinyl LP’s. Sie erleben derzeit ein wahrhaftes Comeback und ich persรถnlich kann mich, als Besitzer einer kleinen Sammlung, nicht gรคnzlich ausschlieรen. Auch ich liebe die schweren Neupressungen oder hรถre gerne mal die knisternde Platte von Pink Floyd’s „Dark Side of the Moon“ um den Kopf frei zu bekommen.
Das Drehen der Platte und die Unmรถglichkeit, ein Lied zu ’skippen‘ ohne aufzustehen und die Nadel aktiv zu bewegen hat auf mich eine unfassbar beruhigende Wirkung.
Aber was macht das nostalgische Format heute so interessant? Wo kรถnnen wir Parallelen zur Fotografie ziehen und wieso spielt ‚alte‘ Technologie รผberhaupt so eine groรe Rolle in unserem digitalen Leben?

Fragen, die wir heute versuchen zu beantworten.
Ich selbst habe noch bis 2002 oder vielleicht sogar 2004 mit 35mm-Filmen fotografiert. Also nicht ich wirklich, ich durfte mal den Auslรถser drรผcken. Das lief meist รผber eine Point-and-Shoot-Kamera von Nikon, die meinen Eltern gehรถrte und meistens im Urlaub.
Es hieร immer: „Pass aber auf, dass dein Finger nicht auf der Linse ist“.
Jedes Bild war wertvoll, schlieรlich hat man erst fรผr den Film und danach fรผr die Entwicklung bezahlt.
Zwar konnte man sich nach der Entwicklung (soweit ich mich erinnern kann) entscheiden, ob man ein Foto behalten mรถchte oder nicht.
Ob es trotzdem berechnet wurde, das wissen wahrscheinlich nur noch meine Eltern.
Entwickelt wurde standesgemรคร in der Fotoabteilung des lokalen Allkauf.
Der ganze Spaร dauerte etwa eine Woche und danach bekam man eine urhรคssliche Fotohรผlle mit einem Zauberer drauf und natรผrlich die Fotos sowie die entwickelten Negative, sollte eine verlorene Seele mal einen Abzug haben wollen.
Es war schon ein ‚exklusives‘ Gefรผhl, sich die Fotos an der Theke abzuholen und den umherstreifenden Einkaufenden zu zeigen: “ich habe etwas erlebt und ihr nicht!“.
Dass in der Fototasche dann manchmal nur Bilder von der letztlich erlebten Beerdigung waren, wusste natรผrlich niemand.
Wechseln wir mal vom Jahr 2002 in das Jahr 2026.
Ich habe von meinem Vater eine Minolta XG-1 ‚geerbt‘.
Eine Kamera, die er in den 80ern nicht zuletzt fรผr Reisen gekauft hat (Beleg untenstehend).

Da ich mich mit analoger Fotografie durch eine Spiegelreflexkamera derzeit enorm schwer tue und nicht das nรถtige Kleingeld habe, Film รผber Film zu verschieรen, nur um meinen Fortschritt zu evaluieren, habe ich mir selber noch eine Olympus Trip 35 zugelegt.
Also quasi das 70er-Jahre Pendant zur Point-and-Shoot Nikon, die wir in den 90ern hatten.
Was aber macht eben diese 35mm/36-Shot-Fotografie heute so reizvoll und wieso erlebt sie in Zeiten immer besser werdender Kameras ein Comeback.
Ich fasse das mal aus meiner persรถnlichen Erfahrung zusammen:
Pros:
Sie sind in der Regel sehr einfach gebaut. Man muss sich, wenn man noch nie mit Film gearbeitet hat, maximal ein fรผnfminรผtiges Tutorial anschauen, wie man einen Film ordentlich einlegt und aufzieht.
Sollte man eine Kamera mit Rรผckspulautomatik haben, ist es natรผrlich noch besser, denn diese zieht den Film automatisch in seine Rolle, sobald er ‚vollgeschossen‘ ist.
Sie haben, wenn man mal von den professionellen DSLR-Modellen absieht, meistens eine Festbrennweite und gesetzte Fokusentfernungen. Hรคlt man die ein, so kann man groรartige Bilder erzielen ohne viel รผber Fotografie wissen zu mรผssen.
Wenn die Lichtdichtigkeit gegeben ist, muss man sich keine Sorgen um Flares oder Lightleeks machen (bei gebrauchten Kameras immer prรผfen oder prรผfen lassen).
Die meistverkauften Filme, wie z.B. Kodak Color 200 oder AGFA APX100 sind sogar im Drogeriehandel erhรคltlich.
Film Grain kann den Bildern einen unverwechselbaren Look geben. Er wirkt fast immer ein wenig ‚verschlafen‘ und ‚altbacken‘ aber wirkt sich je nach Motiv enorm positiv auf das Foto aus.
Hier ein paar meiner Bilder, geschossen mit der Olympus Trip 35 auf Kodak Color 200.




Man sieht hier ganz klar, dass einige Bilder Light-Leaks aufweisen.
Diese Leaks lassen sich durch eine professionelle Untersuchung eurer Kamera definitiv vermeiden.
Was bleibt ist der warme Charme eines 35mm-Films, mit einer Portion Film-Grain und der leichten Vertrรคumtheit frรผherer Tage.
Jetzt zu den Cons:
Ein 35mm/36 Shot-Film kostet heute in der Regel zwischen 9,99โฌ und 12,99โฌ.
Wir reden hier nicht von speziellen Anfertigungen, sondern von ganz einfachen Kodak Color 200 Filmen.
Es ist an dieser Stelle natรผrlich an jedem zu entscheiden, ob man zum einen die Erfahrung hat rund 10โฌ auf 36 Bilder zu verschieรen oder ob man nicht lieber im digitalen Segment bleibt.
Auch die AGFA Alternativen (Color/SW) bewegen sich mittlerweile in Preissegmenten von 7,99โฌ bis 11,99โฌ.
Grundsรคtzlich sei gesagt, dass monochrome Filme generell etwas gรผnstiger sind aber sich auch meist bei maximal 100-ISO-Empfindlichkeit liegen.
Das macht die Fotografie in dunklen Lichtverhรคltnissen umso schwerer und man beginnt, nach Schatten und Licht zu suchen. Bei zu hohem Kontrast droht hier ein Ausbrennen.
Die Entwicklung dauert einfach unfassbar lange (solange man sich fรผr Drogerien entscheidet).
Meine persรถnliche Erfahrung ist folgende:
Farbfilm (Kodak Color 200) – ca. 3 Wochen Entwicklungszeit, bis die Bilder in der Filiale abholbereit sind
Monochromfilm (AGFA APX100) – ca. 8 Wochen Entwicklungszeit, bis die Bilder in der Filiale abholbereit sind.
Das sind natรผrlich nur meine Erfahrungen, und Preise, die ich im Verlauf meiner Beobachtung gesehen habe und spiegeln keine allgemeinen Durchschnittswerte wider.

Es ist und bleibt eine Abwรคgung, ob der Preis dem Nutzen gerecht wird.
Ich liebe es auf Film zu fotografieren, aber ich bin mir bei jedem Film der Tatsache bewusst, dass mindestens 28 von 36 Fotos nicht meinen Ansprรผchen gerecht werden.
Aus meiner Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass jeder, der sich ernsthaft fรผr Fotografie interessiert, Film zumindest einmal ausprobieren sollte um ein Verstรคndnis fรผr wirkliche Objektfotografie zu erfahren, die keine Fehler zulรคsst, da man mit jedem Auslรถsen Geld verbrennt.
Es schult diesen einen bestimmten Sinn in uns, der selektiert, was es wert ist zu fotografieren oder nicht.
Es kann aber gleichwohl extrem einschrรคnkend erscheinen.
Am Ende verhรคlt es sich ein bisschen wie mit der eingangs erwรคhnten Vinylschallplatte. Wenn du Musik magst, kann das Drehen einer Vinyl auf dem Plattenteller sehr beruhigend und schรถn sein. In Zeiten, in denen sich jedoch fast jedes Lied dieser Welt bei einem der gรคngigen Streaming-Anbieter abrufen lรคsst, sind Vinyl-Schallplatten ein teurer Spaร und oft das Mittel der Wahl fรผr Liebhaber. Lohnen tut es sich dennoch.
Probiert es doch einfach mal aus!
In diesem Sinne: Keep shooting und habt einen tollen Tag,
Lars
