Between The Frames

By Lars Sklenarz

Four Thirds ist tot, es lebe Micro Four Thirds!

/

Micro Four Thirdsโ„ข ist eine Marke von OM Digital Solutions / Olympus.

„Wenn man so mit seiner kleinen MFT-Kamera unterwegs ist und Bilder wie die GroรŸen macht, bekommt man schon das ein oder andere Mal so ’nen schrรคgen Blick von Leuten mit einer Canon R5 und ihrem gefรผhlt 4kg Tele-Objektiv. (Ich) finde, das wirkt manchmal ziemlich abschรคtzig.“

– Das sagte ich kรผrzlich zu meiner Frau beim Abendessen, nachdem wir aus dem Landschaftspark Duisburg-Nord zurรผckkamen.

Aber ist da etwas dran? Wirkt MFT fรผr einen Vollformat-Cowboy wirklich wie ein Spielzeug und was sind eigentlich die Unterschiede?

Damit herzlich willkommen beim kleinen Tech- und Erfahrungstalk rund um das MFT-System.


Zu Beginn wird es kurz etwas technischer, denn wir schauen uns zunรคchst an, was Micro Four Thirds รผberhaupt ist. Danach erfahrt Ihr welche Vor- bzw. Nachteile es mit sich bringt, wie MFT in der Fotowelt wahrgenommen wird und schlieรŸlich, warum ich dieses System fรผr mich persรถnlich als optimal empfinde. Zum Abschluss stelle ich Euch noch einige beeindruckende Fotografen vor, die fast ausschlieรŸlich mit MFT-Kameras arbeiten und damit fantastische Bilder produzieren.

Also: Let’s go!

Was ist Micro Four Thirds?

Micro Four Thirds (MFT) ist ein spiegelloses Kamerasystem, das 2008 von der Olympus Corporation und Panasonic gemeinsam vorgestellt wurde. Ziel war es, die Bildqualitรคt klassischer DSLR-Kameras mit einem deutlich kompakteren Formfaktor zu verbinden.

Heute wird das System vor allem von OM Digital Solutions (dem Nachfolger der Kamerasparte von Olympus) und Panasonic weiterentwickelt.

Der Name beschreibt bereits das zentrale Element des Systems: den Kamerasensor. Micro Four Thirds verwendet einen 17,3 ร— 13 mm groรŸen Sensor mit einem Seitenverhรคltnis von 4:3.

Damit ist er kleiner als ein APS-C-Sensor (wie beispielsweise bei einer Fujifilm X-T30 oder X-T50), aber deutlich grรถรŸer als die Sensoren der meisten Smartphones. Allerdings holen auch Smartphone-Hersteller immer weiter auf โ€“ etwa Xiaomi in Zusammenarbeit mit Leica, die verstรคrkt auf grรถรŸere Sensoren und hochwertigere Linsen setzen.

Ein kurzer Vergleich:

SensorgrรถรŸe iPhone 17 Pro Max: ca. 9,8 ร— 7,3 mm
SensorgrรถรŸe Micro Four Thirds: 17,3 ร— 13,0 mm

Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist der sogenannte Crop-Faktor. Er beschreibt, wie stark der Bildausschnitt einer Kamera im Vergleich zu einem Vollformatsensor (36 ร— 24 mm, klassisches Kleinbild) beschnitten wird.

Ein kleinerer Sensor erfasst nur einen zentralen Teil des Bildkreises eines Objektivs. Dadurch wirkt das Bild so, als wรคre es mit einer lรคngeren Brennweite aufgenommen worden.

Der Crop-Faktor ergibt sich aus dem Verhรคltnis der Sensordiagonale eines Vollformatsensors zur Sensordiagonale des verwendeten Sensors.

Bei Micro Four Thirds betrรคgt dieser Faktor 2. Das bedeutet: Eine 25-mm-Brennweite an einer MFT-Kamera entspricht in etwa dem Bildwinkel eines 50-mm-Objektivs im Vollformat.

Berรผcksichtigt man zusรคtzlich die Tiefenschรคrfe, ergibt sich ein รคhnlicher Effekt auch bei der Blende. Eine Aufnahme mit f/1.0 auf MFT entspricht in ihrer Tiefenschรคrfe ungefรคhr f/2 im Vollformat.

Lasst uns noch schnell die Lichtaufnahme eines Vollformatsensors mit dem MFT-Sensor vergleichen.

Kleinere Sensoren โ€“ darunter auch MFT โ€“ neigen bei schlechten Lichtverhรคltnissen eher dazu, Bildrauschen zu erzeugen. Besonders bei Nachtaufnahmen kann das schnell sichtbar werden, vor allem bei sehr hohen ISO-Werten.

Hier hat das Vollformat einen klaren physikalischen Vorteil: Die Sensorflรคche betrรคgt rund 864 mmยฒ und kann somit deutlich mehr Licht einfangen als ein MFT-Sensor mit etwa 225 mmยฒ.

Doch bevor wir uns zu tief in technische Details verlieren, lohnt sich ein Blick auf einen anderen wichtigen Unterschied: spiegellose Systeme versus Spiegelreflexkameras.

Spiegelreflex:

In einer klassischen Spiegelreflexkamera befindet sich ein mechanischer Spiegel im Gehรคuse. Dieser reflektiert das Licht, das durch das Objektiv einfรคllt, รผber ein Pentaprisma in den optischen Sucher.

Drรผckt man den Auslรถser, klappt der Spiegel nach oben und gibt den direkten Weg zum Sensor frei. Wรคhrend dieses Moments wird das Sucherbild kurz schwarz, bevor der Spiegel wieder herunterklappt.

Diese Mechanik benรถtigt Platz im Gehรคuse und bringt einige Nachteile mit sich. DSLR-Kameras sind durch ihre beweglichen Bauteile mechanisch anfรคlliger und benรถtigen mehr Raum im Kameragehรคuse.

Auch bei Videoaufnahmen zeigen sich Einschrรคnkungen. Viele DSLRs sind primรคr fรผr Fotografie ausgelegt. Lรคngere Videoaufnahmen kรถnnen zu รœberhitzung fรผhren, weshalb die Aufnahmezeit oft auf 29 Minuten und 59 Sekunden begrenzt ist.

Trotzdem bleiben DSLRs in vielen Bereichen leistungsfรคhige Werkzeuge und waren lange Zeit die Arbeitstiere professioneller Fotografen.

Doch dieser Thron wird zunehmend von spiegellosen Systemen herausgefordert.

Spiegellose Systeme

Micro Four Thirds wurde von Anfang an als spiegelloses System konzipiert. Dadurch entfรคllt die anfรคllige Spiegelmechanik, was kompaktere Kameragehรคuse ermรถglicht.

Statt eines optischen Suchers kommt meist ein elektronischer Sucher (EVF) zum Einsatz โ€“ im Grunde ein kleiner Bildschirm. Das vom Sensor erfasste Bild wird in Echtzeit im Sucher dargestellt.

Der groรŸe Vorteil: Alle Einstellungen wie Blende, ISO oder Belichtung lassen sich direkt im Sucher kontrollieren. Man sieht bereits vor dem Auslรถsen, wie das fertige Bild aussehen wird.

Ein weiterer Vorteil des MFT-Systems sind die Objektive. Durch den kleineren Sensor kรถnnen sie deutlich kompakter gebaut werden.

Vergleicht man beispielsweise ein Canon EF-S 17โ€“85 mm mit einem Olympus 14โ€“42 mm Pancake-Objektiv oder einem 40โ€“150 mm Tele, wird schnell deutlich, wie groรŸ der Unterschied in GrรถรŸe und Gewicht sein kann.

Unter Berรผcksichtigung des Crop-Faktors entspricht das Olympus-14โ€“42 mm etwa einem 28โ€“84 mm Objektiv im Vollformat, wรคhrend das 40โ€“150 mm ungefรคhr den Bildwinkel eines 80โ€“300 mm Teleobjektivs erreicht.

Ist MFT wirklich โ€žtotโ€œ?

Immer wieder hรถrt man in Fotoforen oder auf YouTube, dass Micro Four Thirds angeblich ein aussterbendes System sei.

Ein Grund dafรผr ist die vergleichsweise geringe Zahl an Herstellern. Im Wesentlichen wird MFT heute von OM System (ehemals Olympus) und Panasonic getragen.

Gleichzeitig dominiert der Markt fรผr Vollformat- und APS-C-Kameras die รถffentliche Wahrnehmung. Besonders Fujifilm erlebt derzeit einen enormen Hype โ€“ nicht zuletzt wegen der beliebten Filmsimulationen direkt aus der Kamera.

Das alte Motto โ€žgrรถรŸer ist besserโ€œ hรคlt sich in der Fotowelt hartnรคckig โ€“ und wird von Herstellern ebenso wie von Influencern hรคufig verstรคrkt.

Technisch betrachtet steckt darin durchaus ein Kรถrnchen Wahrheit. GrรถรŸere Sensoren bieten meist bessere Low-Light-Performance, weniger Bildrauschen und eine geringere Schรคrfentiefe, was oft zu einem besonders starken Bokeh fรผhrt.

Doch Fotografie besteht nicht nur aus SensorgrรถรŸe.

Gerade in bestimmten Einsatzbereichen kann MFT klare Vorteile bieten.

Die Objektive sind meist gรผnstiger als ihre Konkurrenzmodelle und verfรผgen durch den Crop-Faktor รผber eine enorme Tele-Reichweite in kleinem Formfaktor. Das macht die gesamte Kameraausrรผstung kompakter. Gerade Panasonic hat mit der GH-Reihe frรผh gezeigt, wie leistungsfรคhig MFT im Videobereich sein kann. Features wie starke In-Body-Bildstabilisierung oder umfangreiche Video-Funktionen sind hier seit Jahren Standard.

Eben diese Grรผnde machen MFT-Systeme fรผr beispielsweise Wildlife-Fotografen, Street-Photography, Travel-Photography oder Video Content Creators interessant. Das System bietet in bestimmten praktischen Szenarien klare physikalische und ergonomische Vorteile.

Das Preis-Leistungs-Verhรคltnis spielt dabei wahrlich auch eine gewisse Rolle.
Ich kann mich natรผrlich selbst nicht davon freisprechen, nicht auch gerne mal eine Fujifilm X-T50 besitzen zu wollen, die Filmsimulationen zu testen und auf APS-C zu fotografieren, fรผr mich persรถnlich ist der Kosten-Nutzen-Faktor jedoch zu hoch um mich derzeit zum Kauf zu bewegen.

Trotz der oben genannten Grรผnde, drรคngt sich (zumindest bei mir) das Gefรผhl auf, dass MFT-Systeme durch ihre geringe GrรถรŸe nach wie vor nicht das Ansehen unter Fotografen genieรŸen, wie ihre baulich grรถรŸere Konkurrenz (GrรถรŸer = Besser).
Das fรคllt speziell dann auf, wenn man sich unter Fotografen tummelt, wie beispielsweise im Landschaftspark Duisburg-Nord. Man wird gerne mal mit einem Blick versehen, als wรผrde man gerade mit einer 25โ‚ฌ Amazon-Kamera fรผr Kinder fotografieren. Das trifft selbstverstรคndlich nicht auf jeden Fotografen zu, der mal eben sein 4,5kg System mit sich herumschleppt, dennoch scheint ein groรŸes Objektiv, gepaart mit einem groรŸen Kamerabody, bei einigen Nutzern ein Gefรผhl der Erhabenheit auszulรถsen.
Vielleicht mache ich mir schlussendlich auch einfach zu viele Gedanken รผber die AuรŸenwirkung verschiedener Kameras.
Am Ende kommt es auf das Foto an und nicht auf das Equipment, dass es mรถglich gemacht hat.
MFT bleibt fรผr mich ein solides und valides System zur Fotografie, das noch lรคngst nicht das Zeitliche gesegnet hat.

Schenkt man nรคmlich den Branchenexperten Glauben, so kรถnnte das MFT-System in den kommenden 5-10 Jahren tatsรคchlich ein Comeback erleben. Das hat folgende Grรผnde:

Reisefotografie rรผckt wieder verstรคrkt in den Fokus. Viele Reisende dokumentieren ihre Trips und wollen dabei auf ein schlankes, kompaktes System zurรผckgreifen, das trotz seiner GrรถรŸe ein hohes MaรŸ an Qualitรคt liefern kann.

Der Kameramarkt allgemein schrumpft.
Durch die immer besser werdenden Smartphone-Kameras, sinkt der Bedarf nach klassischen DSLR oder spiegellosen Systemen. Daher ist es fรผr die Hersteller unabdinglich, sich auf kleinere Nischenmรคrkte zu fokussieren, in denen ihre Produkte einen klaren Vorteil bringen.
Beobachtet man die derzeitige Marketingstrategie von beispielsweise OM-Systems, wird schnell klar, dass das Outdoor-Thema mehr und mehr an Relevanz gewinnt. Die bereits genannten Grรผnde machen die Kamerasysteme dafรผr ideal.

Computational Photography und die Nutzung von KI in Kameras.
Die OM-System OM-1 fรคhrt mit Funktionen wie Focus-Stacking, Live ND, AI-Motiverkennung und High-Res-Shots auf.
Diese Funktionen nutzen ein Zusammenspiel von Kamerasoftware und Sensor und sind rein technisch einfacher fรผr kleine Sensoren zu optimieren.

Video Content Creator sind ein starker Markt fรผr kleine, handliche Systeme.
Sony und Panasonic haben den AnstoรŸ mit ihrer ZV-1F bzw. Lumix-GH6-Kamera gegeben. Sie richten sich speziell an Vlogger.
Der Erfolg dieser Kameras spricht fรผr sich und kรถnnte in naher Zukunft auch in der MFT-Sparte weiter aufgegriffen werden.

Zusammengefasst bleibt zu vermuten, dass MFT-Kameras weiterhin nicht den Mainstream bedienen werden. Die Konkurrenz und der Hype um andere Hersteller ist schlicht zu groรŸ.
Sie werden sich jedoch in einem Nischenmarkt unter Profis mehr und mehr etablieren kรถnnen, da sie auf bestimmte, praktische Anwendungsszenarien ausgelegt sind.
Oder kurz: Totgesagte leben lรคnger.

Warum empfinde ich das MFT-System fรผr mich als ideal?

Ich nehme meine Kamera gerne und oft, auch auf kleinen Spaziergรคngen mit, da es immer etwas zu fotografieren gibt. Fรผr mich persรถnlich liegt der Fokus also vor allem auf Transportierbarkeit und einem geringen Gewicht. Ich mรถchte nicht ewig an meiner Kameratasche rumnesteln und erst einen groรŸdimensionierten Kamerabody, anschlieรŸend ein riesiges und schweres Objektiv herausholen und alles zusammenbauen, bevor ich bereit zum Fotografieren bin.


Man muss fairerweise jedoch hinzufรผgen, dass ich bisher nur auf Canon (1000D / 70D), Minolta (XG-1) und Olympus (Trip 35 / E-PL5 / OM-D E-M 10 Mark II / OM-D E-M10 Mark IV) fotografiert habe.

Die Anfรคnge meiner fotografischen Reise mit der Fujifilm S4500, den alten Nikon Kameras und der Fuji Instax Wide lasse ich an dieser Stelle bewusst auรŸen vor, da diese Kameras vor meiner aktiven Fotografie genutzt wurden.

Meine verhรคltnismรครŸig kleine Kameratasche kann ohne Probleme ein Tele-Objektiv, eine Festbrennweite, ein Zoom-Objektiv, meine Kamera selbst und drei Akkus beherbergen, ohne รผbermรครŸig schwer oder sperrig zu sein.

Mit der Zeit habe ich viele Funktionen zu schรคtzen gelernt โ€“ etwa Focus Peaking bei manuellen Objektiven oder die Mรถglichkeit, das fertige Bild bereits vor dem Auslรถsen im Sucher zu sehen.
Auch komme ich mit den Menรผs meiner Olympus-Kameras sehr gut zurecht, empfinde sie als gut strukturiert und รผbersichtlich, wenngleich diese Aussage wahrlich sehr subjektiv ist.
Man kรถnnte, wenn man denn wollte, eine gewisse Fanboy-Mentalitรคt unterstellen, was ich jedoch zurรผckweisen mรถchte, da ich mehr als offen gegenรผber anderen Herstellern und Systemen bin. Wer wรผrde nicht gerne mal auf einer Hasselblad X2D II 100C oder einer Fujifilm X-T5 fotografieren? Da fรผr mich jedoch der Kosten-Nutzen-Faktor eine entscheidende Rolle spielt, bin ich bei MFT gelandet und bereue wenig.
Perfekt ist kein Kamerasystem. Doch die Kamera, die wirklich alle Vorteile des Marktes vereint, muss vermutlich erst noch erfunden werden โ€“ und wรคre wahrscheinlich unbezahlbar.

Wenn Ihr sehen mรถchtet, was mit Micro Four Thirds mรถglich ist, lohnt sich ein Blick auf diese Fotografen:

– Petr Bambousek
– Scott Bourne
– Tesni Ward

Ihre Arbeiten zeigen eindrucksvoll, dass groรŸartige Fotografie nicht von der SensorgrรถรŸe abhรคngt.

Am Ende ist es vรถllig egal, mit welchem System man fotografiert.

Wichtig ist, dass Euch Eure Kamera inspiriert, sie mitzunehmen und Bilder zu machen.

Denn das beste Equipment ist am Ende immer das, das man tatsรคchlich dabei hat.

In diesem Sinne:
Keep shooting โ€“ und habt einen groรŸartigen Tag.

Lars