Manchmal gibt es Orte, bei denen man sich unweigerlich fragt, ob die Realität nicht vielleicht doch ein wenig bei einem Märchen abgeschaut hat.
Schloss Drachenburg am Drachenfels ist so ein Ort.
Wir machten uns am vergangenen Sonntag auf den Weg nach Königswinter, ohne dabei eigentlich zu wissen, was uns genau erwarten würde. Klar, den Drachenfels kennt man. Den Rhein, die Burgruine, die Zahnradbahn – alles irgendwie bekannt. Aber Schloss Drachenburg hatte ich bislang tatsächlich noch nicht besucht.
Das sollte sich ändern.
Und ganz nebenbei sollte ich an diesem Tag auch noch meine Fujifilm X-T50 zum ersten Mal so richtig auf die Probe stellen.
Durch den Wald
Schon der Weg hinauf hatte etwas ganz Eigenes.
Am Morgen war es noch frisch und ein wenig diesig. Wir gingen durch den Wald, immer an einem kleinen Bachlauf entlang, der sich friedlich den leichten Anstieg hinunterplätscherte. Kein spektakulärer Wasserfall, kein reißender Gebirgsbach – einfach nur dieses leise, gleichmäßige Geräusch, das einen irgendwann automatisch langsamer werden lässt.
Die Bäume ringsum wirkten riesig. Zwischen den Stämmen hing noch ein leichter Schleier aus Feuchtigkeit und Nebel, während nur vereinzelt Licht durch das Blätterdach fiel.
Es war einer dieser Momente, in denen man versteht, warum Wälder in alten Sagen so selten einfach nur „Wälder“ sind.
Und ausgerechnet hier am Drachenfels ist man schließlich mitten in der Welt der Nibelungensage. Der Sage nach soll Siegfried in dieser Gegend den Drachen getötet und sich anschließend in dessen Blut gebadet haben. Ob man an solche Geschichten glaubt, sei jedem selbst überlassen.
Aber wenn man an einem kühlen Morgen durch diesen Wald läuft, während irgendwo neben einem das Wasser plätschert und die Bäume langsam im Dunst verschwinden, wirkt die Vorstellung zumindest nicht mehr völlig absurd.
Ein bisschen mystisch war es schon.
Und plötzlich taucht ein Schloss auf
Nach einiger Zeit verließen wir den Wald und kamen durch eine Obstplantage mit Apfel- und Pflaumenbäumen.
Und dann änderte sich die Szenerie innerhalb weniger Meter komplett.
Der Himmel war mittlerweile strahlend blau geworden. Keine Spur mehr vom morgendlichen Dunst. Zwischen den Baumwipfeln tauchten plötzlich die ersten Türmchen und Zinnen von Schloss Drachenburg auf.
Das war einer dieser Momente, bei denen man automatisch stehen bleibt.
Vor uns ragte dieses vollkommen übertriebene Ensemble aus Türmen, Erkern und Dächern über die Bäume. Und ich meine „übertrieben“ ausdrücklich positiv.
Schloss Drachenburg sieht nicht einfach aus wie ein Schloss.
Es sieht aus, als hätte jemand ein Märchenbuch aufgeschlagen und gesagt:
„Wir bauen das jetzt genau so.“
Was dabei besonders verrückt ist: Das Gebäude ist gar nicht besonders alt.
Schloss Drachenburg wurde zwischen 1882 und 1884 für Stephan von Sarter errichtet und gehört damit zu den bedeutenden Schlossbauten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sarter hatte als Börsenanalyst ein beträchtliches Vermögen gemacht und ließ sich hier seinen ganz persönlichen Traum verwirklichen.
Man muss sich das wirklich einmal vor Augen führen:
Wir reden hier nicht über eine mittelalterliche Burg, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Nicht über irgendeinen Fürstensitz aus dem 15. Jahrhundert.
Das hier ist im Grunde ein 140 Jahre altes Fantasieprojekt.
Und genau danach sieht es auch aus.

Aufstieg zum Schloss
Vorbei an der Nibelungenhalle ging es weiter zur Station der Drachenfelsbahn und anschließend über die Vorburg in Richtung Schlossgarten.
Für den Eintritt in Schloss und Park waren 10 Euro pro Person fällig – und spätestens im Schlossgarten hatte ich das Gefühl, dass sich die Investition durchaus gelohnt hatte.
Denn von hier aus präsentiert sich die Drachenburg dann in ihrer ganzen Pracht.
Keine Bäume mehr, die den Blick versperren. Keine kleinen Ausschnitte zwischen Ästen.
Einfach das komplette Schloss vor einem.
Und hier begann dann auch mein persönlicher Testlauf mit der X-T50.
Ich hatte mir neben dem Kit-Objektiv noch das Tamron 18-300mm f/3.5-6.3 geholt und an diesem Tag tatsächlich ausschließlich damit fotografiert.
Was soll ich sagen?
Für genau so einen Ausflug ist dieses Objektiv schon ziemlich praktisch.
Vom großen Gesamtbild des Schlosses bis zu kleinen Details an den Türmen konnte ich praktisch alles fotografieren, ohne ständig Objektive wechseln zu müssen. Gerade beim Spaziergang durch den Park und beim späteren Aufstieg zum Drachenfels war das ausgesprochen angenehm.
Und ja – ich habe dabei vermutlich mehr fotografiert, als unbedingt notwendig gewesen wäre.
Aber dafür ist eine neue Kamera schließlich da.




Einmal Mittelalter spielen
Im Inneren des Schlosses wurde es dann endgültig märchenhaft.
Besonders der Kunstsaal hat es uns angetan.
Die großen Bleiglasfenster, die zahlreichen Darstellungen, die Wandmalereien und die aufwendig gestalteten Räume vermitteln eine Atmosphäre, die wesentlich älter wirkt, als das Gebäude tatsächlich ist.
Überall gibt es etwas zu entdecken.
Das Musikzimmer, die Schlafzimmer, die Gesellschaftsräume – eigentlich könnte man vermutlich mehrere Stunden damit verbringen, einfach nur Details anzuschauen.
Und genau das haben wir irgendwann auch gemacht.
Immer wieder blieb man stehen, entdeckte ein neues Fenster, eine Schnitzerei, eine Wandmalerei oder irgendein Detail, das man beim ersten Blick schlicht übersehen hatte.
Dabei ist die gesamte Anlage heute extrem gepflegt. Das war nicht immer so.
Nachdem das Schloss im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach den Besitzer und seine Nutzung gewechselt hatte, stand es zwischen 1960 und 1970 sogar leer und verfiel zunehmend. Teile der Innenausstattung wurden beschädigt oder gingen verloren. Erst später begann eine umfangreiche Restaurierung. Seit den 1990er-Jahren wurde das Ensemble behutsam auf den Zustand der Bauzeit zurückgeführt; die Restaurierungsarbeiten wurden schließlich 2011 abgeschlossen.
Wenn man heute durch die Räume läuft, ist davon glücklicherweise kaum noch etwas zu erahnen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man sich dort so leicht in eine andere Zeit versetzt fühlt.
Obwohl diese Zeit eigentlich noch gar nicht so lange zurückliegt.







Weiter nach oben
Nach einer ausgiebigen Besichtigung und einer für einen Fotospaziergang vermutlich leicht überdimensionierten Anzahl an Bildern ging es schließlich weiter Richtung Drachenfels.
Natürlich hätten wir auch die historische Zahnradbahn nehmen können.
Haben wir aber nicht.
14 Euro pro Person für ungefähr fünf Minuten bergauf erschienen uns dann doch etwas ambitioniert.
Also hieß es: laufen.
Der Aufstieg war durchaus anstrengend, aber absolut machbar. Und irgendwie gehört es für mich auch dazu, einen Berg nicht nur mit einer Bahn hochzufahren, wenn man schon einmal dort ist.
Außerdem kann man beim Laufen fotografieren.
Eine Tätigkeit, die sich mit einer Zahnradbahn nur bedingt kombinieren lässt.

Der Blick über den Rhein
Oben angekommen, wurden wir schließlich für den Aufstieg belohnt.
Vom Plateau unterhalb der Burgruine öffnet sich der Blick weit über den Rhein und die umliegenden Wälder.
Und plötzlich wirkt der Drachenfels noch einmal ganz anders.
Unten liegt der Rhein, dahinter erstreckt sich die Landschaft, und rundherum liegen die bewaldeten Höhen des Siebengebirges.
Hier oben kann man tatsächlich nachvollziehen, warum dieser Ort seit Jahrhunderten mit Geschichten und Legenden verbunden wird.
Wenn man sich vorstellt, wie diese Landschaft ohne Straßen, Häuser, Autos und den ganzen modernen Kram ausgesehen haben muss, bekommt die Nibelungensage plötzlich eine ganz andere Kulisse.
Ob Siegfried hier nun tatsächlich einem Drachen begegnet ist, darf weiterhin bezweifelt werden.
Aber wenn man an diesem Ort steht, den Blick über den Rhein schweifen lässt und unter einem die Wälder des Siebengebirges liegen, kann man zumindest verstehen, warum Menschen solche Geschichten erzählen.
Manchmal braucht es eben nicht viel Fantasie.
Nur einen guten Aussichtspunkt.


Ein erster richtiger Test
Für mich war der Ausflug gleichzeitig der erste längere Einsatz meiner neuen Fujifilm X-T50.
Und ich muss sagen: Sie hat sich ziemlich gut geschlagen.
Das Zusammenspiel aus APS-C-Sensor, IBIS und dem Tamron 18-300mm hat sich für diesen Ausflug als ausgesprochen vielseitig erwiesen. Ich konnte mich komplett auf das Fotografieren konzentrieren, ohne ständig darüber nachzudenken, welches Objektiv jetzt eigentlich gerade sinnvoll wäre.
Vor allem aber hat mir die Fuji genau das gegeben, was ich mir von ihr erhofft hatte:
Sie macht einfach Spaß.
Nach zwei Jahren mit meiner Olympus OM-D E-M10 IV war der Umstieg natürlich zunächst ungewohnt. Die Fuji fühlt sich anders an, arbeitet anders und hat ihre ganz eigene Bedienphilosophie.
Aber genau deshalb wollte ich sie schließlich.
Und spätestens an diesem Sonntag wusste ich, dass ich mit der Entscheidung nicht ganz daneben gelegen haben kann.
Märchenbuch zugeklappt
Am Ende war der Drachenfels für mich deutlich mehr als nur ein weiterer Ausflug.
Es war dieser ungewöhnliche Mix aus Natur, Geschichte, Architektur und einer ordentlichen Portion Fantasie.
Morgens der stille Wald mit seinem kleinen Bachlauf und dem Nebel zwischen den Bäumen.
Dann die Obstplantage und dieser erste Blick auf die Türme der Drachenburg.
Das Schloss selbst mit seinen prunkvollen Räumen und den unglaublich detaillierten Fenstern.
Und schließlich der Blick vom Drachenfels über den Rhein, bei dem man sich für einen kurzen Moment tatsächlich vorstellen kann, dass hier irgendwann einmal ein Held namens Siegfried unterwegs gewesen sein könnte.
Schloss Drachenburg ist vielleicht kein mittelalterliches Schloss.
Aber ehrlich gesagt spielt das keine große Rolle.
Denn manchmal muss ein Märchenschloss gar nicht 800 Jahre alt sein.
Es reicht, wenn es so aussieht.
In diesem Sinne: Keep shooting!
Lars
