Between The Frames

By Lars Sklenarz

Kodak Charmera – Eine Meinung

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Von der Weltmarke in die Insolvenz

Die Eastman Kodak Company oder im Volksmund kurz Kodak steht vermutlich wie kaum eine andere Marke fรผr den Erfolg der privaten Fotografie.

Als Weltmarke fรผr Filmmaterialien und Fotoausrรผstung des 20. Jahrhunderts, durch die starken Phasen der Ektachrome-Diafilme, der Super-8-Filme und der Kodacolor-Negativfilm-ร„ra bis in den verschlafenen Absprung in die Digitalisierung.

Wobei, so verschlafen war der Absprung nicht einmal. Kodak galt auch in den spรคten 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als Vorreiter. Nicht zuletzt, weil sie die erste digitale Spiegelreflexkamera auf Basis einer Canon entwickelten: die Canon New F-1 Electro Optic Camera und in den 90er Jahren mit der ersten Digitalkamera nachlieferten.
Die besagte DCS 100 war bei einem Preis von ca. 22.000-25.000 DM nur einfach nicht wirtschaftlich und schon gar nicht massentauglich.

Die sinkende Nachfrage nach Fotofilmen, bedingt durch den Zuwachs des digitalen Angebots, in den frรผhen 2000er Jahren sorgte fรผr einen Wegbruch einer ganzen Verkaufssparte. So sah man sich 2004 in Rochester gezwungen, alle GroรŸlabore zur Fotoentwicklung in Deutschland zu schlieรŸen.

Es folgten mehrere weltweite Personalkรผrzungen, die Aufgabe verschiedener Produktionssparten wie die Fertigung von S/W-Fotopapier im Jahr 2005, oder die Einstellung der Produktion der Kodak-Kodachrome-Diafilme.

Der Insolvenzantrag folgte im Januar 2012.

Das Jahr 2013 besiegelte den Verkauf des Kerngeschรคfts, die Fotofilmproduktion.

Mit der daraus folgenden Grรผndung von Kodak Alaris im selben Jahr, bediente man weiterhin die Sparte der Druckmedien.
Die wieder steigende Nachfrage nach Fotofilmen fรผhrte im Jahr 2023 schlussendlich dazu, dass sich Kodak Alaris in der Position sah, seine Filmproduktion wieder aufzunehmen und diese in einem 24/7-Betrieb bis heute zu produzieren.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kodak)

Kluges Marketing und Hype fรถrdern den Verkauf

Am 09. September 2025 kam ein neues Kodak-Produkt auf den internationalen Markt.
Die Kodak Charmera – Keychain Camera.
Im Vorhinein liefen die Werbetrommeln auf den offiziellen Social-Media-Kanรคlen des Unternehmens auf Hochtouren.
Man wollte wohl Teil des Retro-Hypes sein und einen Markt bedienen, der heute von TikTok, Instagram oder Facebook gesteuert wird.
Passenderweise hat man sich beim Design an der 1987 auf den Markt gebrachten Einwegkamera aus eigenem Hause orientiert.
Sie soll den Charme der alten Tage im winzigen Formfaktor an den jungen und kauffreudigen Markt bringen und bestenfalls die Marke Kodak neu etablieren.
Ein Schelm, wer denkt der offizielle Beiname „Charmera“, wรคre in diesem Kontext zufรคllig gewรคhlt.

Was aber machte das Marketing schon vor dem offiziellen Verkaufsstart so gut?

Das Produkt selbst kommt in einer sogenannten Blind-Box.
Man erhรคlt mit jedem Kauf eines der insgesamt sechs Designs (Wahrscheinlichkeit 1/6) oder die siebte „Secret Edition“ (Wahrscheinlichkeit 1/48).
Was in der Box steckt, weiรŸ man vorher natรผrlich nicht.
Es ist quasi das รœberraschungsei der TikTok-Generation, um es profan auszudrรผcken.
Man bedient sich also einer Praxis, die beispielsweise in Videospielen schon lange verfolgt wird. So kann man in verschiedenen Spielen, meist gegen Geld, sogenannte „Loot-Boxes“ oder „Packs“ รถffnen, hinter welchen sich jeweils eine Wahrscheinlichkeit auf einen besonders wertvollen Gegenstand, ein Skin oder z.B. ein FuรŸballspieler, versteckt.
Das regt auf der einen Seite zum Kauf an, es fรถrdert aber auch den Trend des physischen ‚Unboxings‘, welcher sich auf YouTube groรŸer Beliebtheit erfreut. Der Hype lรคsst sich sogar bis in den lokalen Elektrofachmarkt verfolgen.
Kurz gesagt, es mag wie ein Glรผcksspiel anmuten.

Wer jedoch keine Lust hat, insgesamt sieben Blind-Boxes zu je 39,99 โ‚ฌ zu kaufen, dem gibt Kodak auch die Mรถglichkeit, alle Designs auf einen Schlag fรผr rund 130 โ‚ฌ sein Eigen zu nennen. Man kรถnnte fast von einem Schnรคppchen sprechen.

Dieser, in meinen Augen, klug gewรคhlte und in die Zeit passende Schritt fรผhrte jedenfalls dazu, dass die Leute auf Instagram, YouTube, TikTok oder Facebook einen unfassbaren Hype auf das neue Produkt erlebten, was wiederum dazu fรผhrte, dass ein Kauf im September 2025 schier unmรถglich erschien.
Scalper haben selbstverstรคndlich, wie bei jedem grรถรŸeren Release, ihren Teil dazu beigetragen, dass die Preise auf eBay zwischenzeitlich auf 120โ‚ฌ pro Blind-Box (offizieller Einzelpreis: 39,99 โ‚ฌ) in die Hรถhe schossen.

Warum erzรคhle ich Euch das alles?

Nun ja, auch an mir ging der Hype natรผrlich nicht spurlos vorbei und der Gedanke ein Unternehmen in Schrรคglage, welches ich durch seine Filmnegative zu schรคtzen gelernt habe, mit meinem Kauf zu unterstรผtzen und dazu noch ein „cooles“ neues Produkt zu erhalten, war zu reizvoll um abzulehnen.

Also entschied ich mich im Oktober 2025, eine Vorbestellung der Kodak Charmera, bei meinem Kamerahรคndler des Vertrauens in Dรผsseldorf zu platzieren.

Ob das eine gute Entscheidung war, das besprechen wir im weiteren Verlauf.

Ich freute mich auf jeden Fall, habe mir viele YouTube-Videos รผber die Charmera angeschaut und dachte mir, dass es so schlecht ja nicht werden kann.

Woche um Woche verging, die Kamera war nicht verfรผgbar.
Spรคtestens im Januar 2026 machte ich mir einen SpaรŸ daraus, die Emails, welche mir versicherten, dass die Kamera bald kommt, zu sammeln und nach Datum sortiert anzeigen zu lassen. Ja, es waren echt viele.

Und plรถtzlich war er da, der eine weltverรคndernde Samstag. Der 14. Februar 2026, um genau zu sein. Die Charmera kam zum Valentinstag und ich hรคtte nicht glรผcklicher sein kรถnnen.

Was darauf folgte, war pure Ernรผchterung und der Gedanke: ‚ich hรคtte es besser wissen mรผssen.‘
Auf dem Titelbild seht ihr รผbrigens auch alle verfรผgbaren Editionen. Die blaue Variante, die ich in meiner Blind-Box erhalten habe, wirkt dabei noch wie Schadensbegrenzung. Klar, die gelbe hรคtte ich gerne gehabt, sie kommt nun einmal in den klassischen Kodak-Farben, aber das ist ja der Reiz einer Blind-Box.

Die Secret Edition hรคtte meiner bescheidenen Meinung nach รผbrigens auch die gelbe Variante sein sollen und nicht ein transparentes Modell, aber wer bin ich, so etwas zu entscheiden?

Sie ist wahnsinnig klein, das wusste ich jedoch auch vorher, aber dass sie sich so klein anfรผhlt wollte mir nicht bewusst sein. Auch das Gewicht spielt mit 30 Gramm eigentlich gar keine Rolle.

Bevor wir zu den technischen Daten kommen, mรถchte ich kurz auf die Verarbeitungsqualitรคt eingehen:

Das Acrylnitril-Butadien-Styrol wirkt nicht billig, es gibt wahrlich schlechtere Stoffe, um ein Produkt dieser GrรถรŸe herzustellen. Scharfe Kanten oder unschรถne Nรคhte gibt es produktionsbedingt nicht. Alles wirkt rund und hochwertig verarbeitet. Sie ist um den Korpus mit einem hochwertigen Print versehen. Das ist viel wert, da ich nach den ersten Bildern an Aufkleber dachte. Die Knรถpfe haben einen spรผrbaren und guten Druckpunkt und auch der USB-C-Anschluss ist stramm und rastet gut ein.
Komischerweise mรถchte jedoch jeder meiner PC’s oder Laptops die Karte vor der Benutzung formatieren. Meine einzige Mรถglichkeit Bilder von A-B zu schieben ist, die Kamera von USB-C auf USB-C mit meinem Smartphone zu verbinden. Unschรถn, wirklich.
Die Kamera verfรผgt รผber einen ‚Sucher‘. Dabei handelt es sich jedoch nur um ein Plexiglas-beschichtetes Guckloch am linken, รคuรŸeren Rand. Kein normaler Mensch hรคlt sich diese Kamera vor sein Auge – ehrlich mal.
Das Display ist wirklich hell, lรคsst Schรคrfe aber nur schรคtzen. Den (nicht ausschaltbaren) winzigen LED-Blitz hรคtte man sich, meiner Meinung nach, echt sparen kรถnnen.
Er belastet unnรถtig den sowieso kleinen 200mAh Akku und in dunklen Rรคumen kommt der Sensor ohnehin an seine รคuรŸersten Grenzen bzw, produziert nur noch Rauschen.


Jetzt aber zur verbauten Technik:

Auflรถsung: 1440 ร— 1080
Objektiv: 35-mm mit F/2,4
Sensor: 1/4″ CMOS โ€“ 1,6 Megapixel
Fotoformat: JPEG
Video: AVI โ€“ 1440 ร— 1080 โ€“ 30 fps
Speicher: MicroSD (maximal 128 GB)
Anschlussmรถglichkeiten: USB-C
Stromversorgung:Li-Ionen-Akku, 200 mAh

Ihr seht es wahrscheinlich schon selbst: Mit dem verbauten Sensor muss das Licht perfekt sein, um รผberhaupt ein brauchbares Ergebnis zu liefern. Brauchbar liegt in diesem Kontext auch im Auge des Betrachters, denn 1,6 Megapixel bei einer Auflรถsung von 1440×1080, gleichen eher unserem ersten Video-Call im Jahr 2003 als einer adรคquaten Qualitรคt fรผr Fotos.

Wo ist also der Charme der 1987 eingefรผhrten Einwegkamera? Lasst es uns anhand einiger Fotos mal analysieren:

Ohne Filter wirken die Fotos leblos. Details gehen aufgrund der geringen Auflรถsung unter und der Nahbereich ist bestenfalls mangelhaft zu bewerten.

Zum Vergleich kommt das erste Bild hier noch einmal grรถรŸer daher:

Helligkeiten brennen durchgehend aus und Schatten kรถnnen nicht anstรคndig verarbeitet werden.

Vergleicht man das obere Bild mit einem Foto aus der Olympus Trip 35, mit einem Kodak Color 200 Negativfilm, sieht man, dass beide nichts gemein haben:

Natรผrlich mรผssen wir den Unterschied alleine bei dem verbauten Objektiv und der Kameratechnik im allgemeinen ziehen, dennoch fรคllt unschwer auf, dass eben der gewรผnschte Charme der ‚alten‘ Bilder nicht in der angedachten Form eingefangen werden kann.

Leider liegt mir keine original Einwegkamera aus 1987 vor, welche ich an dieser Stelle gerne mit der Leistung der Charmera verglichen hรคtte. Diese Modelle sind jedoch derzeit nicht beziehbar und werden es vermutlich auch nicht mehr werden.

Bei perfekten Lichtverhรคltnissen und mit dem „kalt“ bzw. „warm“ Filter liefert die Kodak Charmera folgende Bilder:

Den Fokus des 35mm Objektivs (wenn man รผberhaupt von einem Objektiv sprechen kann) zu erwischen, erweist sich als reines Glรผcksspiel.

Die Filter erreichen zwar den grundsรคtzlichen Look, den man von alten Fotos erwartet, dem Gesamtbild mangelt es aber an Schรคrfe und Pixeln.

Da die Charmera auch รผber eine Videofunktion verfรผgt, wollte ich euch diesen Test selbstverstรคndlich nicht vorenthalten:

Mein persรถnliches Fazit

39,99 โ‚ฌ stelle ich mal neben den Elefanten in den Raum.
Nun kann man bei den heutigen Kamerapreisen streiten, keine Frage, aber in der Regel erhรคlt man fรผr viel Geld verhรคltnismรครŸig viel Leistung und fรผr wenig Geld recht wenig Leistung.
Genau diesem Motto ist die Charmera ebenfalls treu geblieben. Nur dass das Branding wahrscheinlich 75-85% des Preises ausgemacht hat.

Ja, sie ist gut verarbeitet, ja, sie hat grundsรคtzlich ein schรถnes Retro-Design.
Ist sie eine Kamera? Nein, absolut nicht.
Sie ist ein Retro-Spielzeug fรผr Leute mit zu viel ‚SpaรŸ-Geld‘, das gern eine Kamera wรคre, jedoch an ihrer eigenen Technik scheitert.
Fรผr 39,99 โ‚ฌ bekommt man bei den gรคngigen asiatischen Hรคndlern bessere Kameras. Wenngleich diese Gerรคte auch nicht zu empfehlen sind.

Kodak hat es mit der Charmera einfach geschafft einen ungeahnten Hype um nichts auszulรถsen. Mit Technik, die ihre Brรผder und Schwestern im Jahr 2003 sucht, hat man den waghalsigen Plan verfolgt, etwas im kleinstmรถglichen Formfaktor einzufangen, was irgendwie dem Retro-Hype gerecht wird und an alte Tage erinnert.
Bin ich auf den Hype reingefallen? Ja klar.
Ich habe von Kodak aber auch ehrlicherweise etwas anderes erwartet als Temu-Technik in einer hรผbschen Brand-Hรผlle.

Werde ich die Kodak Charmera irgendwann nochmal nutzen? „Vielleicht klebe ich sie auf ein Spielzeugauto meines Sohnes, um seine ‚Abenteuer‘ aus der Sicht seiner Spielzeuge zu filmen.“ Fรผr mehr taugt sie ohnehin nicht und selbst bei diesem Plan hege ich Zweifel an der Benutzbarkeit.

Schlussendlich die Google Bewertung: 4,8 von 5 Sternen bei 3599 Bewertungen
(Stand 03.03.2026)
Fรผr mich gibt es nur eine Erklรคrung; Die Leute lieben Kodak, aber nicht das Produkt.
รœber die Kamera an sich kann man wenig positives sagen.

Reingefallen – Pech gehabt.

In diesem Sinne: Keep Shooting!

Lars